Cemil Bayık: Wie kann sich der Mittlere Osten vom Chaos befreien? (Teil 2)

Das Vorwort des Co-Vorsitzenden des Exekutivrat der Koma Civakên Kurdistan (KCK) Cemil Bayık aus dem Buch „Revolution in Rojava“.

ROJACIWAN

Das Leben richtig aufbauen

Gemäß Theodor Adornos »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« beginnt die Rojava-Revolution mit dem Aufbau des richtigen Lebens. Indem sie von der kreativen Grundeigenschaft der Menschheit ausgeht, wird der Überwindung der tief im Bewusstsein verankerten Struktur des hierarchisch-etatistischen Systems eine besondere Bedeutung beigemessen. Deshalb gilt die Loslösung vom hierarchisch-etatistischen System und seiner aktuellen Version, der kapitalistischen Moderne, als eine unabdingbare Voraussetzung, um wieder Mensch zu werden und das gesellschaftliche Sein auszuweiten. Alles, was die kapitalistische Moderne den Menschen und die Gesellschaft hat schlucken lassen, muss gemieden werden. Doch damit nicht genug; die Alternative dazu aufzubauen definiert die Revolution als das Leben selbst. In diesem Leben wird die Bildung – wie zurzeit angestrebt – dem etatistisch-hierarchischen System abgerungen und zur wichtigsten gesellschaftlich umgesetzten Aktivität. Ohne auf Rang und Ethnie zu schauen, wird die Bildung vom etatistisch-hierarchischen System getrennt, was eine unverzichtbare Bedingung und Aufgabe ist. In diesem Sinne stellt die Rojava-Revolution eine Revolution des Denkens, des Bewusstseins dar. Die kapitalistische Moderne stellt aus ihrer Entwicklung und Praxis heraus ein System dar, das unheilbare Krankheiten produziert. Anstelle unserer heutigen Welt mit einer Profitmaximierung auf Kosten der menschlichen Gesundheit wird eine neue Lebensphilosophie und eine Perspektive, die durch den Aufbau einer Struktur jenseits des Systems den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellt, angestrebt. In diesem alternativen System ist es unabdingbar, die Ökonomie, die ja im Wortsinn »Gesetz des Haushalts« bedeutet, aus den Händen der Herrschenden zu nehmen und sie aus der Abhängigkeit von ihnen zu befreien. Die Ökonomie, welche, insbesondere in unserer Region, die Menschheit schon vor 10.000 Jahren versorgt hat, und vor allem auch den Begriff der Ernährung der Bevölkerung beinhaltet, muss wieder der Gesellschaft überantwortet werden. Unsere Revolution beruht auf der Überwindung des auf Profit beruhenden Wirtschaftsverständnisses der kapitalistischen Moderne und der Entwicklung einer Wirtschaft für die Gemeinschaft. Entgegen der durch den Kapitalismus verursachten immensen globalen Schwierigkeiten ist es diese gesellschaftliche Wirtschaftsform, die wir in Rojava zu verwirklichen versuchen. Die als Wiederherstellung der Kontrolle der Gesellschaft über ihre Ökonomie definierte wirtschaftliche Autonomie ist der Minimalkompromiss, der zwischen dem ationalstaat und der demokratischen Autonomie, der demokratischen Nation, erreicht werden muss.

Der Aufbau einer ökologischen Industrie, eines sozialen Marktes und einer kommunalen Wirtschaft ohne Profitstreben und im Dienste der gesellschaftlichen Solidarität sowie die Demokratisierung der Ökonomie stellen für die Revolution in Rojava den Ausweg dar, die wirtschaftlichen Probleme zu überwinden. Sie versucht, allen Störversuchen von außerhalb zum Trotz, dies in die Praxis umzusetzen. Unsere Revolution bezeichnet ein Leben gemäß den Regeln der gesellschaftlichen Natur als Moral, den geregelten Handlungsbereich der Staatsherrschaft hingegen als Recht, weshalb wir uns für Ersteres entscheiden. Die Moral ist gebunden an die Existenz der Gesellschaft und ihre Geschichte beginnt mit der Geschichte der
Gesellschaftswerdung, während die Lebenszeit des Rechts mit den Staatssystemen anfängt. Die Lösungskraft liegt in der Moral. Von der Moral abzurücken, wird als Quelle der gesellschaftlichen Probleme betrachtet. Aus diesem Grund greift die Rojava-Revolution auf die Moral zurück, um die vom hierarchisch-etatistischen System herrührenden und potenziellen neuen Probleme lösen zu können. Im Wissen, dass eine direkte Verbind-
ung zwischen Staat und Recht besteht, der Staat über das Recht gegen Gesellschaft und Individuum interveniert und sich zu legitimieren versucht, möchte sie intern dem Recht keinen Platz einräumen. Rechtlich ist es das Mindeste, dass die Nationalstaaten, mit denen in einer Koexistenz gelebt werden kann, die im Aufbau befindliche Demokratische Autonomie in einer neu auszuarbeitenden Verfassung anerkennen und sich damit auch vom System der Verleugnung verabschieden. In einem politischen Kampf werden die Staaten dazu gedrängt, anzuerkennen, dass ein Leben im Rahmen der Formel »Staat plus Demokratie« nur so möglich ist. Genau das wird heutzutage in Rojava sowohl dem syrischen Staat als auch den internationalen Kräften zu vermitteln versucht. Mindestforderung für ein gemeinsames Leben ist die Anerkennung der Demokratischen Autonomie, was sich auch verfassungsrechtlich niederschlagen muss. Wenn sich das Regime darauf nicht einlässt, wird die Rojava-Revolution es als einzig möglichen Weg für ein freies Leben betrachten, diesen Status auf eigene Faust zu verwirklichen. Gerade das vollzieht sich in Rojava.

Das Leben richtig verteidigen

Die Gesellschaft von Rojava führt einen legitimen Kampf, um den Status der Demokratischen Autonomie und das angestrebte Leben in all seinen Dimensionen zu verteidigen. Mit der Mentalität, welche die Revolution gebar und führt, wird die legitime Selbstverteidigung philosophisch umgesetzt und als notwendiges Recht und notwendige Aufgabe betrachtet. Um dies zu verwirklichen, wird anstatt des Aufbaus einer Armee zusammen mit
allen Mitgliedern der Gesellschaft eine eigenständige Verteidigung aufgebaut. Die YPG/YPJ ist eine Organisierung, die genau aus solch einem Denken hervorgegangen ist. Die YPG/YPJ hat nicht das Ziel auszubeuten, zu erobern oder alles mit Gewalt an sich zu reißen; sie ist eine Organisierung für den Schutz der Werte, des Lebens und der Existenz der Gesellschaft. Die YPG/YPJ steht nicht außerhalb oder über der Gesellschaft, sie wurde von der Gesellschaft selbst aufgebaut, und kann aus diesem Grund nicht bezwungen werden. Die richtige Denkweise führt zur richtigen Praxis. Trotz aller großen Angriffs wellen von innen und außen, Mobilisierung, Blockaden und Eingrenzungen und trotz aller Unmöglichkeiten werden die Volksverteidigungseinheiten von Tag zu Tag stärker. Weil sie sich mit ihrer Grundhaltung der »Demokratischen Nation« nicht nur auf eine Ethnie begrenzt haben, haben sie es geschafft, zur grundlegenden Sicherheit aller Bevölkerungsgruppen beizutragen. Aufgrund der Haltung, den Menschen als größte Kraft zu sehen und einer Praxis, die die Gesellschaftlichkeit als Existenzbedingung der Menschen ansieht, kann die Revolution sich selbst verteidigen und ihre Entwicklung fortsetzten. Die Mentalität, die zur Revolution führte und sich weiterentwickelt, sieht ihre Erfolge nicht auf das Militärische und Politische beschränkt. Sie weiß aus den Lehren der Vergangenheit und der Gegenwart, dass es nicht um eine Zerstörung des gegenwärtigen Systems und den Aufbau eines neuen Systems mit derselben Denkweise geht. Als Hauptgrund für die Absorbtion der Volksrevolutionen bis hin zuden nationalen Befreiungskämpfen des 20. Jahrhunderts und der realsozialistischen Praxis durch das System, wird die fehlende Transformierung dieser Revolutionen in eine progressive Kultur gesehen. Eine moralische und politische Gesellschaft hat die Aufgabe, ein ethisches und ästhetisches Leben herauszubilden, das Freiheit, Gleichheit und Demokratie widerspiegelt.

Die Revolution der Demokratischen Nation

Unsere Revolution sieht die Ursache der gegenwärtigen Probleme im Mittleren Osten im nationalstaatlichen Paradigma. Die Revolution stellt diesem das Konzept der »Demokratischen Nation« gegenüber. Die Mentalität der Demokratischen Nation hat die Revolution von Rojava hervorgebracht und besitzt die Fähigkeit, neue Revolutionen zu initiieren. Diese neue Mentalität sieht neben der Trennung der Nation vom Staat auch keine Deszendenz vor. Sie sieht die Zugehörigkeit zur gleichen Ethnie nicht als Bedingung für die Zuordnung zu einer Nation. Die »Demokratische Nation« definiert sich als »Nation gemeinsamer Kultur«. Bei diesem Nationenverständnis wird nicht auf das Geschlecht, die Religion, Ideologie oder Ethnizität geschaut; bedeutsam ist wie die Natur des Menschen und die Gesellschaft zusammenwirken, die als moralisch und politisch, bestimmt werden. Deshalb ist die Revolution von Rojava nicht nur eine Revolution der Kurd_innen. Die Kurd_innen spielen vielleicht die Vorreiter_innenrolle in dieser Revolution, doch sie verwirklichen sie nicht mit einer nationalistischen Haltung. Die Volksräte, die demokratische Bewegung (TEV-DEM) und Diskurse wie »demokratisches Syrien, autonomes Kurdistan« sind Ergebnisse einer Haltung, die alle Bevölkerungsgruppen und Diversitäten ansprechen und die Vielfalt der Gesellschaft hervorheben sollen. Trotz der diplomatischen Umzingelung, der praktizierten Isolierung, der Bemühungen der die kurdische kapitalistische Moderne repräsentierenden PDK und ihr nahestehenden politischen Organisationen, kann die Revolution auf eigenen Beinen stehen, sich entwickeln und Wirksamkeit durch Diplomatie entfalten. Das gleichberechtigte Zusammenleben von Diversitäten ist zur Lebensphilosophie geworden.

Die Revolution der Frauen

Die Tatsache, dass die Revolution in Rojava die Frauen in den Vordergrund stellt, ist eine Garantie für ihr Fortbestehen und für Nachhaltigkeit. Die Entwicklung des Patriarchats ist eng verbunden mit der Entstehung und Entwicklung des zentralistischen Herrschaftssystems. Das zentrale Zivilisationssystem ist ein System der Negation des Lebens. Den Höhepunkt stellt die kapitalistische Moderne dar, die der Menschheit und jeder anderen Lebensform nichts anderes als Zerstörung bietet. Dies ist heutzutage an der ökologischen Katastrophe und der Zerstörung der Lebensumwelt im großen Maß klar ersichtlich. Die durch das hegemoniale Denken des Mannes und seine Praxis erreichte Situation stellt das gesamte Ökosystem der Erde, einschließlich des Menschen, in seiner Existenz infrage. Während diese Systeme Ausdruck des Patriarchats sind, begründen Frauen das demokratische Zivilisationsmodell jenseits des Wesens der Brutalität und Gewalttätigkeit. Zweifellos ist es kein System ohne den Mann, doch es handelt sich um ein Leben mit der ausschlaggebenden Rolle von Frauen. Zur Mentalität der Revolution von Rojava gehört die Überzeugung, dass
das gemeinsame Zusammenleben auf dem Leben selbst gegründet werden muss und alle Revolutionen bisher kein Erfolg beschieden war, da sie gerade an diesem Punkt unter der Hegemonie des patriarchalen Denkens standen.
Auch aus diesen Gründen wird mit der Bewusstwerdung der Frauen, mit einer neuen Begegnung der Frauen, mit allen Aspekten des Lebens und mit der Abkehr von patriarchalen und vom herrschenden System verbreiteten
Auffassungen über das Verhältnis von Frau und Mann eine wirkliche Revolution umgesetzt, welche die Frauen in das Zentrum des Lebens rückt. Hierbei werden nicht wie nach bürgerlichen Maßstäben allein die vorenthaltenen Rechte zurückgegeben. Der Grund dafür, warum Frauen die Revolution so vehement verteidigen und selbst Siebzigjährige die Waffe in die Hand nehmen, liegt darin, dass eine an Frauen orientierte Gesellschaftsordnung aufgebaut wird. Die Frauenbewegung bezieht sich hier explizit auf vorstaatliche Gesellschaftsformen, die egalitär waren. Frauen wachen nicht über ein System und dienen ihm nicht, wenn sie nicht dessen aktiver und gleichberechtigter Teil sind. Frauen bauen ihr System selbst auf und das auf sehr aktive Art und Weise. Bei genauer Analyse ist festzustellen, dass gerade diese Tatsache Rojava von anderen Revolutionen unterscheidet.

Das richtige Revolutionsverständnis

All das Genannte wird durch eine Mentalität und die damit zusammenhängende Praxis realisiert. Es ist eindeutig, dass es sich um die Konstituierung eines neuen Lebens, eines neues Paradigmas und eines neuen Gesellschaftssystems handelt. Diese universelle Eigenschaft der Revolution von Rojava ist der Hauptgrund dafür, dass sie von der stärksten bis zur kleinsten Kraft des hierarchisch-etatistischen Systems angegriffen wird. Der Krieg und Kampf gegen die Revolution von Rojava wird systematisch geführt. Den umfassenden Angriffen der kapitalistischen Moderne, einschließlich seiner kurdischen Vertreter, liegt diese Tatsache zugrunde. Die kapitalistische Moderne entspricht im Ganzen nicht der gesellschaftlichen Natur, weshalb die Gesellschaft nicht weiter mit diesem System leben wird. Sollte sie es doch tun, ist eine physische Vernichtung der Gesellschaft unvermeidbar. Schon jetzt ist vorhersehbar, dass die Rojava-Revolution für den Aufbau eines neuen Lebens und einer neuen Welt weiterreichende Folgen als die Französische und die Russische Revolution haben könnte. Für den Mittleren Osten und weit darüber hinaus stellt sie eine große Hoffnung dar, während sie gleichzeitig sehr bedroht ist. Die Revolution von Rojava, die ihre Kraft aus einer Lebensperspektive fernab des hierarchisch-etatistischen Systems schöpft, ist das wahre Mittel, um den Mittleren Osten aus dem Chaos zu führen. Hand in Hand diese Revolution zu verteidigen und sich ihrer anzunehmen, ist der wahre Weg, um die Gegenwart als auch die Zukunft aller Gesellschaften nicht nur im Mittleren Osten zu sichern.
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Aus dem Buch: Revolution in Rojava – Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo

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