Leseprobe aus ’Zivilisation und Wahrheit’ – STÊRKA CIWAN

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“Da gleichzeitig über mich als Vorsitzenden einer äußerst umfassenden und wirkungsvollen Organisation zu Gericht gesessen wird, muss ich natürlich Fragen stellen und Antworten liefern. Wenn ein Höhepunkt von Repression, Ausbeutung und Zerfall erreicht ist und die Ausweglosigkeit grenzenlos scheint, wenn das Leben würdelos ist und schlimmer als der Tod, dann bleibt uns nichts, als die bestehende Weltsicht durch ein neues, tief greifendes Paradigma zu ersetzen.”

ABDULLAH ÖCALAN – STERKA CIWAN

Maskierte Götter und verhüllte Könige | Erstes Buch | Gefängnisschriften

Um die kapitalistische Moderne zu überwinden und die demokratische Moderne auszubauen, sollten die bisher angeführten Argumente als Material betrachtet werden, das noch weiterentwickelt werden muss. Dazu genügt es nicht, die Methoden und Wissensregime zu kritisieren, die zur Moderne geführt haben, sondern wir müssen genauso die bahnbrechenden Methoden und Wissenssysteme der Postmoderne beleuchten. Darauf zielt dieses Material ab.
Wir haben als Schlüsselfrage angeführt, wie und warum wir uns auf den Menschen konzentrieren sollten. Es bleibt wichtig, Mensch und Gesellschaft richtig zu definieren und zu begreifen. Die diesbezüglichen Bemühungen von Soziologie, Soziopsychologie und Anthropologie sind nicht ergiebig, weil sie den Verzerrungen der Moderne ausgesetzt und in ihren Netzen von Wissen und Macht gefangen sind. Große, kostbare individuelle Leistungen auf diesen Gebieten sind unsystematisch und unorganisiert. Sehr wertvolle Beiträge haben neben anderen die Frankfurter Schule, Fernand Braudel, zuvor Friedrich Nietzsche und später Michel Foucault und Immanuel Wallerstein jeweils auf dem Niveau einer eigenen Schule geleistet, doch sind die Methoden und Wissensregime dieser Ära (der neuen Postmoderne und der Auflösung der Moderne, die wir als »demokratische Moderne« bezeichnen wollen) noch längst nicht systematisiert. Viele bemühen sich, doch es bleibt zersplittert. Einer der Hauptgründe dafür ist – wie es Wallerstein selbst eingestand – die Vergiftung durch das kapitalistische System. Die genannten Autoren bemühen sich, aber winden sich geradezu im Zangengriff des Kapitalismus.
Nietzsches Aphorismen beispielsweise, nach denen die Moderne die Gesellschaft verweiblicht, kastriert und auf Ameisen reduziert habe, sind von Bedeutung. Der Ausdruck »blonde Super-Bestie«, den er für die Deutschen verwendet, als ob er 50 Jahre in die Zukunft gesehen hätte, beschreibt die faschistische Herdenbildung. In weiser Voraussicht erklärte er in Also sprach Zarathustra, dass die Moderne und die Schaffung von Nationalstaaten früher oder später eine faschistische Herdenbildung und – wie er es für die Chinesen sagte, die er »Ameisennation« nannte – Gesellschaften von Ameisen hervorbringen würden. Er ist so etwas wie der Prophet des kapitalistischen Zeitalters.
Auch Max Weber traf eine bedeutende Feststellung, als er die Moderne als »Einschluss der Gesellschaft in einen eisernen Käfig« begriff. Indem er die Vernunft als Grund für die »Entzauberung der Welt« anführt, betont er den materiellen Charakter der Zivilisation.
Fernand Braudel kritisiert die Sozialwissenschaften heftig, weil sie losgelöst von der zeitlichen und räumlichen Dimension operieren. Er nennt Erzählungen, die Zeit und Ort vermeiden, »leere Anhäufungen von Ereignissen«. Damit leistet er einen bedeutenden Beitrag zur Lösung des Problems der Methode. Die Begriffe »événements« für die Ereignisgeschichte, »conjuncture« für periodische Krisen und »longue durée« für strukturelle Perioden, die er einführte16, haben der Geschichtswissenschaft neue Horizonte eröffnet.
Die Kritik der Frankfurter Schule an Aufklärung und Moderne war bahnbrechend. Adorno betrachtete die Zivilisation der Moderne, die zu den Konzentrationslagern geführt hatte, als »finsteres Ende einer Ära«. Das war eine kompetente Einschätzung. Besonders berühmt ist sein Aphorismus »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«17 Damit stellt er fest, dass die Moderne mit ihren Methoden und ihrem Wissen auf einer falschen Grundlage basiert. Mir scheint das eine große Einsicht zu sein. Auch seine Kritik an Aufklärung und Vernunft eröffnet neue Horizonte.
Michel Foucault fügt Nietzsches Aphorismus »Gott ist tot« die bemerkenswerte Aussage hinzu, auch das Ende des Menschen sei nahe. Seine Feststellung, die moderne Macht bedeute den ständigen Krieg der Gesellschaft nach innen und außen, ist schwerwiegend, stark, wird aber nicht ausgearbeitet. Seine Analysen zur Begriffskette von Macht, Wissen, Gefängnis, Krankenhaus, Irrenanstalt, Schule, Kaserne, Fabrik, Bordell liefern einen – wenn auch indirekten – Beitrag zur Diskussion, wie Methoden und ein System freien Wissens aufgebaut werden müssen. Michel Foucault, der wegen seines vorzeitigen Todes seine Analysen zu Macht, Krieg und Freiheit nicht vollenden konnte, scheint sagen zu wollen, dass die Moderne den Menschen tötet, weil die Gesellschaft sich in einem ständigen Kriegszustand nach innen und außen befindet. Daraus können wir möglicherweise schließen, dass Freiheit eine gesellschaftliche Lebensweise ist, der es gelingt, außerhalb von Krieg zu existieren. Wenn dem so ist, dann können wir keine Freiheit erreichen, wenn wir nicht den Industrialismus, der alle Werkzeuge der Zerstörung herstellt, den Militarismus und seinen Zweck, das Gesetz des Profits, und die regulären Armeen abschaffen und an ihre Stelle die Selbstverteidigung der Gesellschaft und die Ökologie setzen.
Wallerstein entwirft einen ambitionierten Begriff vom Weltsystem. Er bildet das moderne System seit dem 15. Jahrhundert auf perfekte Weise ab. Aber sowohl bei der Bewertung dieses Systems als auch bei der Frage von Systemgegnerschaft und Auswegen bleibt er vage. So hält er wie Marx die Stufe des Kapitalismus für notwendig und tendiert zur Affirmation. Dass er dies auf den Einfluss des bürgerlichen Systems zurückführt, ist fast als Geständnis zu werten. Eine seiner bedeutenden Thesen lautet, die Sowjetunion und das sozialistische System hätten nicht nur die kapitalistische Moderne nicht überwunden, sondern sie sogar gestärkt, und ihr Zusammenbruch werde den kapitalistischen Liberalismus nicht stärken, sondern schwächen. Aber wenn es um die Auflösung des Systems und neue Aufbrüche geht, beweist er nicht dieselbe Kompetenz wie bei der Analyse. Er trifft keine Vorhersagen darüber, wann und wie die strukturelle Krise, in der sich die Moderne bzw. der Kapitalismus seit den 1970er Jahren befindet, enden wird. Dennoch betont er – und das ist wichtig – dass jede kleine sinnvolle Intervention große Folgen haben kann. Offensichtlich hat er sich vom starren Determinismus klar verabschiedet. Er ist äußerst kompetent, was die Bewertung von Methoden und Wissenssystemen angeht.
Wir könnten hier noch eine Reihe von Intellektuellen anführen. Murray Bookchins Analysen über die Ökologie, Paul Feyerabends Kritik von Methode und Logik und seine Vorschläge sind bahnbrechend. Keinem dieser Intellektuellen gelang jedoch, auf kompetente Weise Theorie und Praxis zusammenzuführen. Zweifellos hängt dies mit der enormen Fähigkeit der kapitalistischen Moderne zusammen, alles und alle an sich zu binden.
Die marxistische Schule hatte den Anspruch, den Kapitalismus äußerst scharf und angeblich auf wissenschaftliche Weise zu kritisieren. Ironischerweise hat sie das nicht gehindert, beim Thema Wissen und Macht zum nützlichsten Werkzeug des Systems und somit zum linken Flügel des Liberalismus zu werden. Die Erfahrungen der letzten 150 Jahre beweisen das zur Genüge. Als wesentlichen Grund können wir den »ökonomischen Reduktionismus« anführen, dem diese Schule ihr gesamtes Methodenspektrum und ihr gesammeltes Wissen untergeordnet hat. Der »wissenschaftliche Sozialismus« hat den metaphysischen und historischen Charakter der Gesellschaft viel zu sehr vereinfacht, das Phänomen der Macht auf ein Regierungskomitee reduziert und der Analyse der politischen Ökonomie eine magische Rolle zugemessen. So blieb er lediglich eine Variante des Positivismus. Obwohl er der Soziologie ebenso wie deren Gründerväter Emile Durkheim und Max Weber eine konstituierende Rolle zuweist, war er letztlich in Bezug auf Methodik und Epistemologie nicht mehr als eine linke Schule des Liberalismus. Es zeigt sich einmal mehr, dass nicht die Absichten entscheidend sind, sondern die assimilierenden und integrierenden Machtzentren des die Gesellschaft beherrschenden Systems mit ihren Methoden, ihrer Wissensmacht und ihrer technischen Dynamik. Die Ökonomie ist eine bedeutende Kraft. Doch wenn wir sie nicht gemeinsam mit der Macht und den anderen grundlegenden metaphysischen Kräften einer zutreffenden historisch-gesellschaftlichen Analyse unterziehen, können wir die kapitalistische Moderne nicht überwinden. Wir können dann nicht einmal die Probleme aufzeigen, die dies verhindern, Lösungswege vorschlagen und in Taten verwandeln, sondern bleiben in einem vulgären Positivismus gefangen. Die bestehende Theorie und Praxis beweisen dies zur Genüge.
Anarchistische Denkschulen, die als radikale Kritiker der kapitalistischen Moderne entstanden, besitzen eine große Kompetenz in Methoden und der Theorie des Wissens, der Epistemologie. Anders als die Marxisten reden sie nicht von einer Fortschrittlichkeit des Kapitalismus. Ihnen gelang es, den ökonomischen Reduktionismus zu überwinden und die Gesellschaft unter verschiedenen Aspekten zu betrachten. Sie spielen gut die Rolle der »rebellischen Kinder« des Systems. Trotz aller guten Absichten gelang es diesen Strömungen jedoch letztlich nicht, aus der Position von Sekten herauszukommen, die sich hartnäckig gegen die Sünden des Systems zur Wehr setzen. Auch für diese Strömungen gilt, was ich über den Marxismus gesagt habe: Im Wesentlichen sind sie weit davon entfernt, das System und die Probleme bei seiner Überwindung zutreffend zu definieren und die Methoden, das Wissen und die Tatkraft der demokratischen Moderne kompetent einzusetzen.
Für die Theorie und Praxis ökologischer, feministischer und kultureller Bewegungen gelten ähnliche Einschätzungen. Diese Bewegungen ähneln frisch geschlüpften Rebhühnern, die aus dem eisernen Käfig der Moderne entkommen sind. Wir sind in ständiger Sorge, wann und wo sie den Jägern zum Opfer fallen. Trotzdem sollten wir sie unbedingt als Bewegungen der Hoffnung betrachten. Wenn sich ein alternativer Mainstream entwickelt, können sie bedeutende Beiträge leisten. Sozialdemokratische Strömungen und nationale Befreiungsbewegungen haben sich bereits früh ins moderne System integriert und sich als seine treibenden Kräfte entpuppt. Sie wurden zu zwei starken Konfessionen des liberalen Mainstreams.

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Zivilisation und Wahrheit
Maskierte Götter und verhüllte Könige – Gefängnisschriften

In diesem ersten Band des »Manifests der demokratischen Zivilisation« reflektiert Abdullah Öcalan seine Erkenntnisse aus 35 Jahren revolutionärer Theorie und Praxis und 10 Jahren Isolationshaft auf der türkischen Gefängnisinsel İmralı.