Die Frauen befreien Rakka – nicht die USA !

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Jetzt wo Rakka kurz vor der Befreiung steht möchten wir noch einmal daran erinnern, welche Rolle die Frau in der Befreiung Rakkas eingenommen hat. Ein Interview mit Klara Reqa über die Rakka Offensive und welche Rolle die Frauen darin einnehmen.

NACHRICHTENZENTRUM – ROJACIWAN

Ausschnitt aus einem Interview mit der Kommandantin Klara Reqa

F: Als die Offensive begann, hieß es, „Rakka wird durch die Hand der Frau befreit“. Warum gerade Rakka?

Warum ausgerechnet Rakka, wurden wir oft gefragt, als wir zu Beginn der Offensive sagten: „Die Rakka-Offensive ist eine Sache der Frau“. Auf dieser Grundlage nehmen die Frauen eine aktive Rolle ein und bezahlen auch einen sehr hohen Preis. Viele unserer führenden Genossinnen, unserer Kommandantinnen, gingen unentwegt gegen die Stellungen des IS vor, ohne Pause, unermüdlich, ohne mit der Wimper zu zucken, und bezahlten mit ihrem Leben. Unsere Genossin Şevin ist eine davon, die Genossinnen Zozan und Sozdar, und mehrere Kommandantinnen. Sie kämpften in den vordersten Stellungen und sorgten mit ihrer bedingungslosen Hingabe für den Erfolg der Offensive. Was uns viel Kraft gibt, ist der unbedingte Wille, Rache zu nehmen. Das kommmt insbesondere im Engagement der YJŞ, der êzidischen Kämpferinnen aus Şengal, zum Ausdruck. Unter den YJŞ – Kämpferinnen, die zu uns stießen, waren auch Êzidinnen, die Gefangene des IS gewesen waren.

Warum Rakka durch die Hand der Frau befreit wird? Weil der Überfall des IS auf Şengal 2014 vor allem ein Überfall auf die Frauen gewesen war. Wie im Mittelalter, wie vor Tausenden von Jahren sah man in der Frau ein Wesen ohne Kraft und Stärke, die sich nicht selbst wehren kann, die man als Kriegsbeute nimmt. Und diese Mentalität der Herrschaft hat heutzutage ihren Gipfelpunkt erreicht, als der IS vor den Augen der Weltöffentlichkeit das noch einmal vorführte. Vom zehnjährigen Mädchen bis zur siebzigjährigen Frau haben sie allen die Hände gefesselt, haben sie Folterungen ausgesetzt. Und am tragischsten ist sicher das Los der Êzidinnen, die nach Rakka verschleppt und dort auf Sklavenmärkten verkauft worden sind. Für uns als YPJ ist das der Grund für unsere Rache. Deswegen sagen wir, die Stadt Rakka wird durch die Hand der Frau befreit. Das ist die Rache für die Frauen von Şengal. Die Rache für jede Frau, der Gewalt angetan worden ist.

„Wir töten die Barbarei und die Herrschaft an sich“

Was den Gipfel der Herrschafts-Mentalität ausmacht, das ist heute der IS. Deshalb haben wir gleich zu Anfang der Rakka-Offensive eine Erklärung herausgegeben. Für uns bedeutet jede Frau, die befreit wird, ein Schritt zur Befreiung der ganzen Gesellschaft. Seit langem wird die Frage gestellt, wie ist das, wenn die Frau zur Waffe greift, eine Truppe aufstellt… Nun, die Statuten und das Programm der YPJ sind für alle zugänglich. Sie sind ein Beispiel für den Neuaufbau der ganzen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die auf moralischen und politischen Prinzipien gründet, die die Ökologie, die Politik und die Gleichheit der Geschlechter zur Grundlage hat. Für die YPJ wichtiger noch als der Griff zur Waffe, um Rache zu üben, ist es, für ihre Ideologie, für ihre Philosophie zu kämpfen. Hätte die YPJ diese Philosophie, diese Ideologie nicht, dann würde sie nichts von einer Männer-Truppe unterscheiden. Warum greifen so viele junge Frauen zu den Waffen gegen eine Organisation wie den IS, warum opfern sie ihr Leben? Welchen Preis sie ganz bewußt zu zahlen bereit sind bis heute, das sieht man auf der ganzen Welt, im Nahen Osten und insbesondere In Syrien. Sowohl international als auch im Nahen Osten und Syrien entsteht und festigt sich das Geschlechts-Bewußtsein bei allen Frauen. Durch den Krieg, der gegen die IS-Banden geführt wird, tritt das Geschlechts-Bewußtsein an die Öffentlichkeit. Denn die YPJ kämpfen nicht nur in Rakka; sie haben in etlichen Regionen von Rojava sowie in Şedade und Hol, vor allem aber in Kobane und Şengal gekämpft. Und schließlich kämpfen sie jetzt in Rakka. Unter der Führung der YPJ wird die Mentalität der Barbarei und der Herrschaft getötet. Das ist inn gewisser Hinsicht auch ein verpflichtendes Erbe für uns.

„Die Frau wird ihre Wunden selbst verbinden“

F: Vor ein paar Tagen ist in Minbic der Frauenrat von Syrien gegründet worden. Wie bewerten Sie das Niveau, welches die Frau in Syrien erreicht hat?

Die Stadt Minbic ist unter der Führung der YPJ befreit worden. Eine ethnisch durchmischte Stadt. Die Vielfalt, die in Syrien herrscht, finden wir auch in Minbic wieder. In diesem Sinne ist es für uns sehr wichtig, dass ein solcher Kongreß in der Stadt Minbic abgehalten worden ist.

Die Zusammenstöße und der Krieg, welche in manchen Ländern und vor allem in Syrien seit sieben Jahren stattfinden, sind nicht leicht, sind nicht gewöhnlich. Ganz sicher sind es die Frauen, welche in diesem Krieg am meisten Schmerzen erleiden, vergewaltigt, getötet werden, die am meisten dem Hunger und dem Durst ausgesetzt sind. Wir sprechen hier natürlich nicht nur von den kurdischen Frauen. Wir sprechen von allen Frauen Syriens. Damit die Krise in Syrien eine Lösung findet unter der Führung der YPJ, muss vor allem eine Einheit in der Gesellschaft hergestellt werden. Insofern hat diesr Frauen-Kongress für uns eine hohe Bedeutung.

Wie auf dem Kongress gesagt wurde, muss die Frau ihre Wunden selbst verbinden. Es ist die Frau, die in der Gesellschaft für den Frieden die Hauptrolle spielt, ja die Führung übernimmt. Es ist die Frau, die in der Gesellschaft die Prinzipien und die Moral aufstellt. Für uns ist die Frau die Schule der Familie. Es ist die Frau, die die Führung übernehmen wird zur Lösung der Krise in Syrien. Ist es doch wiederum die Frau, die das Leid ertragen muss und sich am meisten engagiert. In diesem Sinne wird es die ganze syrische Gesellschaft beeinflussen, wenn es den Frauen gelingt, die Einheit der Frauen herzustellen. So kann eine richtige Lösung erreicht werden.

Wir sagen immer wieder, jede Frau hat die Kraft, alles mögliche zu bewerkstellen. Wenn die Frauen unter sich die Einheit erreichen, dann können sie eine viel größeren Einfluß auf die Gesellschaft ausüben und die Gesellschaft oder die Nation mit richtigem Bewußtsein und mit einer richtigen Einstellung führen. Insofern kann die Gründung eines solchen Rates (des Frauenrates von Syrien) nur mit dem Engagement und unter der Führung der YPJ gelingen. Nicht nur die Frau in Syrien, sondern in der ganzen Welt erkennt diese Realität. Aus dieser Realität schöpft sie ihre Kraft und ihren Mut.

Die YPJ vertritt längst nicht mehr nur die kurdische Frau. Sie vertritt die Frauen auf der ganzen Welt. Das ist sowieso unser Hauptziel: eine Armee zu sein, welche die Frau in jeder Hinsicht schützt. Wir wollen unter der Führung der YPJ die Persönlichkeit der Frau aufbauen. Heute wird durch die Rakka-Offensive unter der Führung der YPJ auf die Gesellschaft ein gewaltiger Einfluss ausgeübt. Und je mehr über Rakka hinaus bewirkt wird, dass zivile Räte und Komitees entstehen und Schulungen organisiert werden, um so mehr wird sich auch eine neue Mentalität bilden.

Jahrelang ist die Gesellschaft von der Herrschafts-Mentalität entweder des Baath-Regimes oder anderer Herrschenden geprägt worden. Aber heute bestimmt sich die Gesellschaft selbst. Sicher ist es wichtig, die dafür richtige Geisteshaltung und Lebensweise zu festigen. Das ist natürlich nicht eine Sache von ein oder zwei Tagen. Das braucht Anstrengungen, dafür muss ein Preis bezahlt werden, damit die Menschen auch das Richtige erreichen. Davon sind wir überzeugt.

Heute haben die YPJ und die YJŞ zusammen ihre Fahnen über Rakkas errichtet. Für uns muss der gemeinsame Kampf sowohl auf geistig-moralischer Ebene als auch konkret Schulter an Schulter auf das Ziel einer gemeinsamen Geisteshaltung ausgerichtet werden, und dafür ist es sehr wichtig, dass beide Fahnen über Rakka wehen. In diesem Sinne können wir sagen, dass wir unserem Ziel umso näher sind, je vollständiger Rakka befreit ist. Diese Perspektive verleiht sicher auch dem Volk von Rakka Sieges-Gewissheit.